LunchTalk 2025

Einsamkeit – eine Epidemie im Verborgenen?

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„In Zeiten zunehmender digitaler Vernetzung, wächst das Gefühl sozialer Isolation. Wir wissen um die Konsequenzen, die Einsamkeit für die psychische und körperliche Gesundheit hat. Wir brauchen daher bundesweite Präventionsmaßnahmen gegen Einsamkeit – für Individuen und die Gesellschaft“, sagte Gebhard Hentschel, Bundesvorsitzender der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) anlässlich des DPtV-LunchTalk 2025. An dem Thema „Einsamkeit – eine Epidemie im Verborgenen?“ waren mehr als 1100 Online-Teilnehmer*innen interessiert. Die Moderation übernahm Dr. Enno Maaß, Stv. DPtV-Bundesvorsitzender. 

Einsamkeit keine psychische Erkrankung, aber belastend
„Ist Einsamkeit ein Thema für die Psychotherapie?“ – dieser Frage widmete sich Ass.-Prof. Dr. phil. Mareike Ernst MSc. Psych. (Alpen-Adria-Universität) in ihrem Vortrag. „Einsamkeit an sich ist keine psychische Erkrankung, kann aber als sehr belastend erlebt werden“, stellte sie klar. „Vor allem länger anhaltende Einsamkeit wird mit negativen psychischen und körperlichen Gesundheitsfolgen in Verbindung gebracht. Frühe Prävention und Intervention ist daher wichtig. Die Psychotherapie ist doppelt herausgefordert: Zum einen gilt es, die subjektive Not ernst zu nehmen und mitzubehandeln – zum anderen besteht die Gefahr, Einsamkeit zu pathologisieren und zu individualisieren.“ 

Beziehungen sind oft weniger stabil
Soziologe Dr. habil. Janosch Schobin (Universität Göttingen) entwickelt für die Bundesregierung am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. im Rahmen des Projekts „Kompetenznetz Einsamkeit“ das „Einsamkeitsbarometer“. „Die Frage, ob die chronische Einsamkeit eher zu- oder abgenommen hat, ist schwer zu beantworten, weil die Datenlage sehr schlecht ist. Statt Beziehungen, die auf Geburt und Abstammung basieren, werden soziale Netzwerke zentraler, die auf Freundschaften und Bekanntschaften gründen. Diese müssen Menschen jedoch selbstständig aufbauen, pflegen und erweitern – oft ein Leben lang. Die Beziehungen sind oft flüchtiger und weniger stabil“, erklärte Schobin. 

Einsamkeit und Social Media 
„Wir haben in Deutschland ein sehr starkes soziales Netz. Wir haben aber neue Gruppen von Einsamen, zum Beispiel junge Menschen, die wir nicht wirklich auf dem Schirm hatten und für die es noch keine Hilfssysteme gibt“, sagte Dr. Schobin in der anschließenden Diskussion. Dr. Ernst ergänzte: „Es gibt noch keine Nachweise direkter Kausalität zwischen Social Media und Einsamkeit. Die Diskussion wird oft sehr schwarz-weiß geführt. Man muss genau gucken: Stehen Leute digital im Austausch mit anderen oder ist es nur Scrollen durch Inhalte. Wenn ich mit einer Freundin chatte, mit der ich auch sonst Face-to-Face Austausch habe, muss das ja nicht schlecht sein.“ 

Unsere Podiumsgäste

Prof. Mareike Ernst

Ass.-Prof. Dr. phil. Mareike Ernst MSc. Psych. 
Assistenzprofessorin (Tenure-Track) für psychoanalytisch-orientierte Psychotherapieforschung am Institut für Psychologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Psychologische Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision am Salzburger Arbeitskreis für Psychoanalyse. Habilitationsvorhaben zu Suizidalität und Suizidprävention im Zusammenhang mit Psychotherapieprozess und -outcome. Visiting Researcher am Suicidal Behaviour Research Laboratory der University of Glasgow. Forschungsschwerpunkte: Psychotherapieforschung, Einsamkeit, Suizidprävention. 

Dr. Jonas Schobin

PD Dr. Janosch Schobin 
geb. 1981, ist Soziologe. Aktuell entwickelt er am Kompetenznetz Einsamkeit des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt am Main das Einsamkeitsbarometer für das BMFSFJ und koordiniert das BMBF-Projekt WeAreOne an der Universität Göttingen. 
Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Soziologie der Freundschaft und der persönlichen Beziehungen, der Soziologie sozialer Isolation und der Techniksoziologie.